Der «Doppeladler» polarisiert seit Tagen die Gespräche der Fans der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft. Aber warum sind bei den Schweizern mit kosovarischen und albanischen Wurzeln rund um das WM-Spiel gegen Serbien die Gefühle derart ausser Rand und Band geraten?

 

«Nur wer die Grauen des Krieges in unserer Heimat miterlebt hat, kann wirklich verstehen, was die erniedrigenden Provokationen vor diesem WM-Spiel bei uns auslösen konnten», sagt der Langendörfer Hasan Kuci. Er stammt aus dem Kosovo, ist wie Granit Xhaka anerkannter Flüchtling und mittlerweile Schweizer Bürger. Während acht Jahren war er Präsident des FC Iliria Solothurn.

Auf dem Grossbildschirm beim Public Viewing in der Solothurner Rythalle singen derweil die Marokkaner ihre Nationalhymne. Dabei halten sie die Hand auf die Brust und in ihren Gesichtern ist eine schon fast religiös anmutende Inbrunst zu erkennen. «Ist das nicht eine mindestens ebenso starke politische Aussage wie der Doppeladler nach dem Siegestor?», fragt Hasan Kuci. «Manche Spieler bekreuzigen sich, andere beten zu Allah. Das ist doch kein Problem. Für mich ist auch das Zeichen des Doppeladlers nicht so wichtig. Für mich sind Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka Helden, weil sie gegen Serbien wirklich alles gegeben und absolut fantastische Tore geschossen haben.»

Speziell sei einzig das Verhalten von Stephan Lichtsteiner gewesen. Dass sich der Captain dem Jubel mit den zum Doppeladler vereinigten Händen angeschlossen hat, zeige dessen grossartigen Charakter. «Damit hat er allen klar gemacht, dass die Schweiz ein Team ist und dass keiner seine Abstammung verleugnen muss. Das war ein grossartiges Zeichen der Solidarität, das die Schweiz als Mannschaft noch weiter zusammengeschweisst hat.»

Die Tochter wollte wegen Bussen eine Spendenaktion lancieren

Er sei sehr erleichtert, dass die Fifa wegen des Doppeladlers nur Bussen und keine Spielsperren ausgesprochen habe. «Meine Tochter hat mich gebeten, mit dem FC Iliria eine Spendenaktion für Lichtsteiner, Xhaka und Shaqiri zu starten. Sie wollte von ihrem Sackgeld 100 Franken für die drei hergeben», erzählt Hasan Kuci. Er habe ihr erklärt, dass Fussballstars genug verdienen und dass solche Bussen nur symbolischen Charakter haben.

Ganz auf den Symbolcharakter setzt derweil Rilind Reka aus New York, der tatsächlich ein Crowdfunding gestartet und innert kürzester Zeit 12'000 Dollar für Lichtsteiner, Xhaka und Shaqiri gesammelt hat. «Ich glaube, der Schweiz ist es gar nicht bewusst, dass sie über die ganze Welt verteilt etwa acht Millionen Fans mit albanischen Wurzeln hat. Überall hängen Kosovaren und Albaner die Schweizer Fahne auf», weiss Kuci.

Die Provokationen reissen alte Wunden wieder auf

Beim Public Viewing trägt der ehemalige Präsident des FC Iliria Solothurn das Dress der Schweizer Nationalmannschaft. «Wir sind ganz normale Schweizer, die sich noch mit den Wurzeln verbunden fühlen und gerne in der alten Heimat die Ferien verbringen. Zurück in den Kosovo zu ziehen, das ist aber kein Thema.» So beschreibt Hasan Kuci seine Familie.

In den Tagen vor dem Spiel gegen Serbien habe er sich aber wieder so elend schlecht gefühlt wie in den 1990er-Jahren, als er sich als junger Mann für mehr Freiheit im Kosovo eingesetzt hatte. «Wir wurden damals wie Tiere behandelt, immer wieder verhaftet und geschlagen. Und nun, während der WM, wurden wir durch die sich verbrüdernden russischen und serbischen Fans wieder verhöhnt und gedemütigt. Sie sangen Dinge wie: ‹Tötet die Kosovaren, dann haben die Kroaten keine Brüder mehr ...›. Sie trugen dabei Shirts mit dem Bild des verurteilten Kriegsverbrechers Ratko Mladic. Das war für mich unerträglich und es muss sich für die Schweizer Nationalspieler wie Behrami, Xhaka und Shaqiri genauso schlimm angefühlt haben.»

Zur Erinnerung: Ratko Mladic ist für das Massaker von Srebrenica verantwortlich, bei dem 8000 junge Männer aus einem einzigen Grund ermordet wurden: Sie waren keine Serben. «Granit Xhaka und ich sind anerkannte, politische Flüchtlinge. Sein Vater sass in serbischen Gefängnissen und wurde gefoltert. Wir sahen, wie unsere Dörfer angezündet und zerstört wurden. Meine Mutter lebte in ständiger Angst, dass ich einmal nicht mehr nach Hause komme. Deshalb bin ich schliesslich in die Schweiz geflohen. Und deshalb war es jetzt unerträglich, zu sehen, wie gewisse Leute an der WM in aller Öffentlichkeit einen verurteilten Kriegsverbrecher verherrlichten.»

Sieg der Nationalmannschaft hilft die Vergangenheit zu verarbeiten

Und dann sprudelt es nur noch aus Hasan Kuci heraus: «Es war ein unglaublich schönes Gefühl, als Xherdan Shaqiri das Siegestor für die Schweiz geschossen hat. Unbeschreiblich. Erleichterung, Freude, Stolz, Euphorie. Ich hatte mich in meinem ganzen Leben noch nie so gefühlt. In einem absolut fairen Fussballspiel konnten wir denen, die uns verspottet hatten, endlich beweisen, dass wir genauso viel wert sind wie sie. Und dazu musste niemand verletzt oder gefoltert werden», fasst der Langendörfer seine Gefühlslage zusammen.

Und: «Dank Granit Xhaka, Xherdan Shaqiri und der ganzen Schweizer Nationalmannschaft ist mir ein riesiger Stein vom Herzen gefallen. Ich fühle keinen Hass, ich habe nichts gegen die Menschen aus Serbien. Dieser Sieg der Schweizer Nationalmannschaft hilft mir ganz einfach dabei, ein schwieriges Kapitel meines Lebens hinter mir zu lassen.»